Botanischer Garten und Botanisches Museum, Berlin-Dahlem Botanischer Garten und Botanisches Museum, Berlin-Dahlem

Kultur- und Nutzpflanzen

„Die Goldenen Äpfel“ - Wissenswertes rund um die Citrus-Früchte

"Aus dem feuchten, kalten Norden mit seinen düsteren Tannenwäldern zogen die Makedonen hinein in das Sonnenland Asien. Hier lernten sie den Wunderbaum mit den goldenen Äpfeln, den dunkelgrün glänzenden Blättern und den lilienartig duftenden, weißen Blüten kennen. Mit seinem immergrünen Laub und den das ganze Jahr hindurch leuchtenden Früchten erschien er ihnen wie ein Sinnbild des ewigen Frühlings, und sie betrachteten ihn als eine der schönsten Gaben, mit der die Natur Asiens sie willkommen hieß". Mit diesen Worten beschreibt Bretzl (1903) die wahrscheinlich erste Begegnung der westlichen Welt mit den Citrus-Früchten. Es waren die Gelehrten Alexanders des Großen, die ihn und seine Heerscharen während des Asien-Feldzuges (334-324 v.Chr.) begleiteten, von denen erstmals Berichte über den sogenannten "Medischen" oder "Persischen" Apfel nach Europa gelangten. Wenige Jahrzehnte später verfaßte der pflanzenkundige Theophrastus, ein Schüler des Aristoteles, nach ihren Angaben eine erste wissenschaftliche Beschreibung, die für lange Zeit die einzige Informationsquelle der Europäer über diesen "Wunderbaum" darstellen sollte. Noch etwa 500 Jahre mußten vergehen, bis die ersten Citrus-Bäume selbst am Mittelmeer wuchsen und mit dem Duft ihrer Blüten und ihren "Goldenen Äpfeln" die Menschen erfreuten.

Heute sind die sogenannten "Südfrüchte" aus der großen Citrus-Verwandtschaft nach Bananen und Trauben das wirtschaftlich wichtigste Obst der Erde. Ein weltumspannender Anbaugürtel und ein ausgedehntes Handels- und Transportsystem sorgen dafür, daß bei uns Citrus-Früchte praktisch zu jeder Jahreszeit ausreichend und preisgünstig im Angebot sind. Neben ihrer Bedeutung als Frischobst und Vitaminspender sind es vor allem die ätherischen Öle der Blätter, Blüten und Früchte, die für den Siegeszug der Citrus-Pflanzen verantwortlich sind. Das Angebot von Citrus-Produkten ist sehr breit Es reicht von diversen Säften, Limonaden und Marmeladen über Alkoholika und aromatisierten Tee bis hin zu Parfüms und Waschmitteln - und auch als Heil- und Würzpflanzen werden sie nach wie vor in vielen Teilen der Welt verwendet. Die Ausstellung ist der reichen Kulturgeschichte dieser Früchte gewidmet und versucht, Wissenswertes und Interessantes über die Apfelsinen, Mandarinen, Pomeranzen und ihre Verwandten zu vermitteln.

Die eigentliche geographische Heimat der Citrus-Früchte ist Ost- und Südostasien. Hier sind die kulturgeschichtlichen Wurzeln für die allmähliche Domestikation und züchterische Veredelung der Pflanzen durch den Menschen zu suchen. Aus den historischen Quellen wissen wir, daß Orangen, Mandarinen, Pampelmusen und auch die Kumquat (eine ostasiatische Orange, pflaumengroß, mit bittersüßen Früchten) bereits seit mehr als 4000 Jahren in China kultiviert werden. Dabei waren die Früchte, vor allem die Mandarinen, zunächst so kostbar und wertvoll, daß sie nur dem Kaiser und seinen höchsten Beamten vorbehalten waren. Den Besitzern von Citrus-Plantagen verhalfen die "goldköpfigen Sklaven", wie sie ihre Bäume nannten, zu Ansehen und großem Reichtum.

In der westlichen Welt waren die Citrus-Früchte zunächst völlig unbekannt, und erst durch die Eroberungszüge Alexanders des Großen lernten die Europäer den "medischen Apfel" (= Zitronat-Zitrone, lat. Citrus medica) kennen. Dieser erhielt seinen Namen nicht, wie oft fälschlich angenommen, wegen seiner medizinischen Wirksamkeit, sondern wegen seiner Herkunft aus dem altorientalischen Königreich Medien. Ursprünglich stammt auch der medische Apfel, aus der südöstlichen und südlichen Himalaya-Region. Dort wurde er lange vor der Zeitrechnung in Kultur genommen und zu Beginn des ersten vorchristlichen Jahrtausends in Medien und Persien eingeführt. Der völlig ungenießbaren Frucht wurden stets viele besondere Eigenschaften zugeschrieben, von denen sich jedoch nur wenige bewahrheitet haben. Bei Theophrastus (etwa 310 v.Chr.) lesen wir dazu "Der Apfel ist nicht eßbar, aber sehr wohlriechend, so auch das Blatt dieses Baumes. Wenn der Apfel zwischen die Kleider gelegt wird, werden diese von den Motten nicht gefressen. Er ist auch nützlich, wenn man ein tödliches Gift getrunken hat; man trinkt Wein, in dem diese Frucht eingelegt worden ist, dadurch entsteht ein Brechreiz, und der Magen bringt das Gift zurück; auch gibt sie frischen Atem..."

Die Eigenschaft der Früchte mit ihrem starken Geruch Motten und anderes Ungeziefer zu vertreiben, hat letztendlich auch der gesamten Pflanzengattung den lateinischen Namen "Citrus", abgeleitet von dem griechischen "Kedrus", eingebracht. Ursprünglich bezeichneten die Griechen mit diesem Namen verschiedene sehr dauerhafte und stark duftende Hölzer aus der Verwandtschaft von Lebensbaum (Thuja), Wacholder (Juniperus) und Zeder (Cedrus). Da der medische Apfel in seiner Wirkung auf Ungeziefer den gleichen Zweck erfüllte und sein Duft auch sehr an den des Zedernholzes erinnerte, setzte sich im allgemeinen Sprachgebrauch für ihn mehr und mehr der eigentlich falsche Name "Citrus" durch. Schließlich hat dann Linnaeus (1753) diesen Irrtum auch für die Wissenschaft hoffähig gemacht und den Namen Citrus für die gesamte, gegenwärtig etwa 20-30 Arten und zahllose Kulturformen umfassende Gattung, eingeführt. Heute ist der modische Apfel nur noch insofern von wirtschaftlicher Bedeutung, als seine sehr dicke, an ätherischen Ölen reiche Schale kandiert und zu Zitronat verarbeitet wird, daher auch der deutsche Name Zedrat- oder Zitronat-Zitrone. Darüber hinaus ist eine besondere Form der Frucht, der sogenannte "Ethrog" oder "Esrog", neben Palmenblättern, Myrten und Weidenzweigen im Rahmen des jüdischen Laubhüttenfestes (Sukkoth) von ritueller Bedeutung. Auf dem berühmten Bild von Marc Chagall "Festtag (Rabbiner mit Zitrone)" ist eine solche Ethrog-Frucht dargestellt. Sie muß hellgelb und völlig fehlerfrei sein und darf nur in der gezeigten, spindelähnlichen Form verwendet werden. Um diese in der Natur nur relativ selten auftretende Form zu erreichen, läßt man die jungen Früchte in den israelischen Citrus-Plantagen in spezielle Glasgefäße hineinwachsen. Die sorgfältig ausgewählten reifen Früchte werden dann jedes Jahr im September vorsichtig von Hand gepflückt, in Hanf verpackt und an die jüdischen Gemeinden in allen Teilen der Welt verschickt.

Nach und nach fanden im Laufe der Jahrhunderte auch die anderen, in Asien domestizierten Citrus-Früchte ihren oftmals über Umwege führenden und von Zufällen begleiteten Weg nach Europa. So gelangten zwischen 50 und 150 n.Chr. erstmals Zitronen (Citrus limon) und Bitter-Orangen (= Pomeranzen, Citrus aurantium) über fernöstliche Handelsbeziehungen auf die römischen Märkte und wurden dort als Luxusfrüchte gehandelt. Bereits zu dieser Zeit existierten offenbar in verschiedenen Regionen des Römischen Reiches auch schon erste Citrus-Plantagen und Bauwerke, die als sehr frühe Vorläufer der barokken Orangerien gelten können. Viele dieser Anlagen fielen später den Unruhen und Wirren der Völkerwanderung zum Opfer. Im 12. Jahrhundert lernten die Kreuzritter in Syrien und Palästina erstmals die Limetten (Citrus aurantifolia) kennen und brachten sie mit nach Europa. Etwa in die gleiche Zeit fällt auch die Ankunft der Pampelmuse (Citrus grandis), die von den Arabern über Kleinasien und Nordafrika nach Spanien eingeführt worden war. Vergleichsweise spät, erst um 1500, gelangte der heute wichtigste Vertreter, die Apfelsine (Citrus sinensis) mit portugiesischen Handelsleuten nach Lissabon, von wo aus sie bald den gesamten Kontinent erobern sollte. Schließlich folgte als letzte der wirtschaftlich bedeutenden Citrus-Früchte in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts die heute so beliebte Mandarine (Citrus reticulata). Ihr von dem portugiesischen Begriff für hohe chinesische Staatsbeamte abgeleiteter Name könnte auf die besondere Wertschätzung für diese kleinste Citrus-Frucht hindeuten.

Zu allen Zeiten fanden die attraktiven, immergrünen Citrus-Pflanzen mit ihren leuchtenden und duftenden Blüten und Früchten zahlreiche Liebhaber und Bewunderer. Generationen von Künstlern, Gartenarchitekten und Wissenschaftlern waren von ihnen gleichermaßen fasziniert und inspiriert und viele, oft mehrbändige Abhandlungen und Prachtwerke wurden über die Zitronen und ihre Verwandten im Laufe der Jahrhunderte publiziert. Die älteste, erhaltene Orangen-Monographie wurde von dem Chinesen Han Yen-Chih im Jahre 1178 n.Chr. unter dem Titel "Chü Lu" veröffentlicht. Darin werden nicht weniger als 27 Varietäten von Orangen, Mandarinen und Pomeranzen vorgestellt und zahlreiche Informationen zu ihrer Pflege und Kultur gegeben.

Mit dem Ende des 17. Jahrhunderts setzte in weiten Teilen Europas eine einzigartige Blütezeit der barocken Gartenkunst ein. In ihrem Verlauf sind vielerorts ausgedehnte Schloß- und Parkanlagen entstanden, zu denen oft auch eine Sammlung von Citrus-Bäumchen und ein entsprechendes Überwinterungsquartier, eine Orangerie, gehörte. Ein sehr schönes Zeugnis dieser Entwicklung im deutschsprachigen Raum ist das im Jahre 1708 von Johann Christoph Volkamer publizierte Werk "Nürnbergische Hesperides, oder Gründliche Beschreibung der Edlen Citronat, Citronen und Pomerantzen-Früchte". Zusammen mit dem 1712 erschienenen zweiten Teil gilt es als eines der Standardwerke der Citrologie, das Beschreibungen und Kupferstiche zu mehr als 150 verschiedenen Formen enthält. Neben einer Abbildung der entsprechenden Citrus-Art oder -Varietät findet sich auf jedem dieser einzigartigen Kupferstiche ein Blick in eine der zahlreichen, oh sehr liebevoll angelegten Garten- und Parkanlagen. In die Reihe der prachtvoll kolorierten Standardwerke gehört auch das 1811 erschienene Buch "Tratte du Citrus" von Georges Gallesio, in dem neben vielen hervorragenden Aquarellzeichnungen ein Citrus-Stammbaum mit insgesamt 48 Arten und Varietäten abgebildet wird.

Mit den immer kürzer und schneller werdenden globalen Verkehrsverbindungen und der ständigen Verbesserung der Transport- und Lagerungsbedingungen in den letzten 150 Jahren haben sich die einstmals privilegierten Früchte der Fürsten- und Königshäuser zu einem für jedermann und jederzeit erreichbaren Nahrungsmittel und wertvollen Vitaminspender gewandelt.

[Text: C. Schirarend]

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