Botanischer Garten und Botanisches Museum, Berlin-Dahlem Botanischer Garten und Botanisches Museum, Berlin-Dahlem

Blume des Jahres 1998 / Flower of the Year 1998

Die Krebsschere - Stratiotes aloides
Eine verrückte Pflanze

Im Winter taucht sie ab, im Frühjahr wieder auf: Die Krebsschere (Stratiotes aloides) ist eine Wasserpflanze, die zum Überwintern auf den Grund eines Gewässers absinkt und im Frühjahr wieder empor steigt. Durch Wasserverschmutzung und durch zu rigorose maschinelle Reinigung von Be- und Entwässerungsgräben ist die Krebsschere, auch Wasseraloë genannt, in ihrem Bestand gefährdet. Die Blume des Jahres 1998 soll auf den Lebensraum „Wasser“ aufmerksam machen.

Nomen ist nicht Omen
Die Wasseraloë hat zwar den gleichen Namen wie das afrikanische Dickblattgewächs Aloë, das in der Heilkunde und insbesondere in der Kosmetik verwendet wird, verwandt mit ihr ist sie jedoch nicht. Nur ihre fleischigen scharfgezackten Blätter haben eine gewisse Ähnlichkeit mit der Aloë. Der Artname der Wasseraloë, aloides, weist auf diese Ähnlichkeit hin, denn er bedeutet aloë-ähnlich. Der griechische Gattungsname Stratiotes bezieht sich auf die steifen, schwertartigen Blätter und bedeutet „Schwerträger“. Den Namen Krebsschere hat die Pflanze bekommen, weil ihre zwei Hochblätter, aus denen im Mai die weißen dreiblättrigen Blüten kommen, den Scheren eines Krebses ähneln.

Schwimmende Wiesen
Die Krebsschere gehört zu den Froschbißgewächsen und ist eine ausdauernde Pflanze, die halb untergetaucht im Wasser schwimmt. Ihre fleischigen scharfgezackten Blätter können bis zu 40 cm lang werden, und bilden eine trichterförmige Rosette, wobei ihre unverzweigten Wurzeln frei im Wasser hängen. Allerdings muß das Gewässer dafür tief genug sein. Die Pflanze ist zweihäusig, das heißt es gibt männliche Pflanzen, die nur Staubbeutel tragen und weibliche Pflanzen, die nur die Fruchtknoten haben. An den unterschiedlichen Merkmalen der Blüten können Sie männliche und weibliche Pflanzen unterscheiden.

In den Blattachseln der Pflanze bilden sich Brutknospen, die zu langen Ausläufern auswachsen. An den Enden der Brutknospen treibt die Krebsschere neue Blattrosetten aus. Im Spätherbst sinkt die Mutterpflanze zum Überwintern auf den Gewässergrund. Während dieser Zeit lösen sich die Tochterpflanzen von der Mutterpflanze. Hochwasser kann die Tochterpflanzen verdriften, die dann neue Gewässer besiedeln. Das hat zur Folge, daß männliche und weibliche Pflanzen sehr weit voneinander entfernt siedeln können. Deshalb kommt es nur noch sehr selten vor, daß Insekten Blütenstaub übertragen. An Orten, wo sich die Krebsschere wohlfühlt, kann sie sich zu fast wiesenartigen Beständen ausbreiten.

Lebensquell Wasser
Die Blume des Jahres ist von Mittel- über Osteuropa bis hin zum Altai-Gebirge in Asien verbreitet. In Westeuropa gab es sie ursprünglich nicht. Der Mensch hat sie in Teichen oder Gräben eingesetzt, damit die Gewässer besser verlanden konnten. Zudem diente sie Vieh, insbesondere Schweinen als Nahrung. Hierzulande finden Sie die Wasseraloë hauptsächlich in Norddeutschland, wo sie an den Unterläufen von Weser, Elbe und Oder zu finden ist. Im Süden Deutschlands gibt es nur einige isolierte Vorkommen, vor allem am Main und an der Donau.

Die Krebsschere besiedelt stehende oder langsam fließende, mäßig nährstoffreiche und kalkarme Gewässer. Besonders heimisch fühlt sie sich in Altarmen von Flüssen, also in ehemaligen Nebenarmen, die nur noch zum Teil oder gar keine Verbindung mehr zu einem Fluß haben. In unseren Kulturlandschaften sind z.B. breite Gräben der Flußmarschen zu ihrem wichtigsten Lebensraum geworden.

Wo die Gefahr lauert
Der Bestand der Krebsschere ist vor allem deshalb gefährdet, weil sie sich fast ausschließlich vegetativ fortpflanzt. Früher konnte sich die Krebsschere durch das Verdriften ihrer Tochterpflanzen schnell geeignete Biotope suchen, bevor andere Pflanzen, deren Saat erst keimen mußte, diese Plätze besetzten. Da aber mittlerweile die Flußtäler fast völlig eingedeicht sind und die Marschen trockengelegt wurden, kann sie sich auf natürlichem Wege im Grunde nur noch bei Hochwasserkatastrophen neue Lebensräume erschließen. In den Wiesengräben der Marschen können Sie heute die Krebsschere gar nicht mehr finden, da sie modernen Entkrautungsmethoden großräumig zum Opfer gefallen ist.

Da die Wasseraloë vom Aussterben bedroht ist, ist auch die Grüne Mosaikjungfer, eine seltene Libellenart, ihres Daseins nicht mehr sicher. Sie ist zur Fortpflanzung völlig auf die Krebsschere angewiesen, da die Großlibelle ihre Eier einzig und alleine in die Blattrosetten der Wasseraloë legt. Dem Krebsscheren-Zünsler, einem Schmetterling, geht es nicht besser. Seine Raupen leben unter Wasser an den Blättern der Krebsschere. (bi)

[Informationen: Stiftung Naturschutz Hamburg und Stiftung zum Schutze Gefährdeter Pflanzen, Dr. Johannes Martens, Steintorweg 8, D-20099 Hamburg. Text: Kommunale Ökologische Umwelt Briefe Nr. 23/12.11.1997.]

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