Sonderausstellung 1998

Eine Japanische Xylothek














Holzschrank aus der
Gründerzeit, welcher einen Teil der japanischen Xylothek enthält.
BGBM.

Verborgene Schätze, zwei auffällige Holzschränke aus
der Gründerzeit, wurden vor mehreren Jahren von Prof. Dr. H. W.
Lack, Direktor an der ZE Botanischer Garten und Botanisches Museum
Berlin Dahlem, auf dem Dachboden des Botanischen Museums entdeckt. Ältere
Kollegen des Hauses wußten, daß es sich um das Geschenk
eines Kapitäns zur See handelte, eine Institutionschronik nennt
als Erwerbungszeitpunkt das Jahr 1911 und als Herkunft den Nachlaß
eines nicht näher bekannten Marineoberstabsarztes Paul Kuegler.

Die in Europa angefertigten, in ihren Maßen identischen Möbelstücke
enthielten eine ganz besondere Kostbarkeit und wurden speziell für
diesen Zweck hergestellt: Sorgfältig gearbeitete, bemalte und
beschriftete Holzbretter befinden sich in jeweils 18 Schubfächern,
wobei genau vier Stück in jede der flachen Laden passen.

Der rote Siegelabdruck auf der unbemalten Rückseite der
insgesamt 144 Bretter ließ sofort erkennen, daß hier eine
ostasiatische Arbeit vorlag. Eine genaue Untersuchung durch Prof. Dr.
W. Veit, Direktor des Museums für ostasiatische Kunst in Berlin,
ergab, daß das Siegel die Jahreszahl `11 Meiji ´ (1878)
enthielt und aus Japan stammen mußte.









Abdruck des Siegel
von Chikusai Kato, datiert `11 Meiji´. BGBM.

Weitere Aufschlüsse brachte ein Besuch von Prof. Dr. H. Ohaba,
Universität Tokyo, im Jahre 1994. Er erkannte das Siegel als das
Zeichen von Chikusai Kato, dem ersten Pflanzenillustrator am
botanischen Garten Tokyo, und unter den wenigen nicht gedruckten
Etiketten die Handschrift von Keiske Ito (1803-1901), dem ersten
Direktor des botanischen Gartens der Universität Tokyo.

Keiske Ito war nicht nur einer der profiliertesten japanischen
Botaniker seiner Zeit sondern auch Schüler des Universalgelehrten
Philip F. von Siebold (1796-1866), der während seines ersten
Aufenthaltes in Japan einen Vorläufer der Berliner Xylothek
erworben hatte, der heute in Leiden aufbewahrt wird. Durch die Einführung
einer bis dahin in Japan unbekannten Augenoperation ungemein populär,
war Siebolds vielfältiges Wirken im Land der aufgehenden Sonne
ein früher Beitrag zu jener Öffnung zum Westen gewesen, die
Jahrzehnte später als Meiji-Reform in die Geschichte eingehen
sollte.

Kaiser Mutsuhito (1852-1912), der im Alter von knapp 16 Jahren den
Thron des Tenno bestiegen hatte, gab wenige Tage nach
Herrschaftsantritt die Devise `Meiji´ aus, d.h. `Erleuchtete
Regierung´. In der Tat verwandelte sich das von Feudalstrukturen
geprägte Kaiserreich rasch in einen Staat moderner Prägung
mit neuen Rechtsgrundlagen. Unter anderem wurde ein zeitgemäßes
Verkehrsnetz aufgebaut, die allgemeine Schulpflicht und der westliche
Kalender eingeführt.

Diese Öffnung des bis dahin fast hermetisch abgeschlossenen
Kaiserreichs begann mit einem symbolischen Akt: die Residenz des Tenno
wurde von Kyoto nach Edo verlegt, das man in Tokyo (`östliche
Hauptstadt´) umbenannte. Hier entstand nach westlichem Vorbild
bereits im Jahre 1877 die erste japanische Universität, und im
selben Jahre als Teil dieser neuen Einrichtung der erste botanische
Garten in Japan.









Bemalte Platte aus
dem Holz des japanischen Ahorns (Acer palmatum). Unbekannter
Illustrator, um 1878. BGBM.

Die einzelnen Holzbrettchen der Sammlung im Botanischen Museum
Berlin-Dahlem bestehen jeweils aus mindestens neun Teilen, die
miteinander verleimt und mit Nägeln fest verbunden sind. Für
jede derartige Platte wurde Material einer bestimmten Gehölzart
verwendet. Der entsprechende wissenschaftliche Name ist meist auf der
Vorderseite angegeben, gefolgt vom japanischen Namen in Kanji - und in
Katakana - Zeichen die typisch für die Meiji-Zeit und von links
nach rechts zu lesen sind.

Auffällig ist die sehr sorgfältige Gestaltung der
einzelnen Objekte: auf das stets rechteckig zugeschnittene, fein
gehobelte Brett sind an den Ecken vier zylinderförmige
Astscheiben montiert und entlang der Kanten der Brettoberseite
rechteckig zugeschnittene Rindenstücke mit den darunterliegenden
Schichten. Von 135 verschiedenen Pflanzenarten sind so Holz in Längs-
und Querschnitt, sowie Rinde auf einen Blick zu sehen.

Noch bemerkenswerter ist allerdings die Bemalung der Bretter: in
Temperafarben sind Zweige, Blätter, Blüten, Früchte und
Samen dargestellt, so wie dies in der botanischen Illustration des
Westens in dieser Zeit üblich war. Die abgebildeten Pflanzen
erwiesen sich als in Japan heimisch oder dort bereits im 19.
Jahrhundert kultiviert.

Damit besitzt das Botanische Museum Berlin-Dahlem ein bisher fast
unbekanntes Spitzenobjekt aus der Gründungszeit der Universität
Tokyo, wie es in ähnlicher Form in Japan nicht bekannt ist.
Gleichzeitig stellt es aber ein beeindruckendes Dokument der europäisch-japanischen
Beziehungen im 19. Jahrhundert dar.

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