Sonderausstellung 2004

Victorias Pfleger – Gärtner
und Heiztechniker

Gärtner mit Victoriablatt im Botanischen
Garten Berlin-Dahlem, um 1930.

„Das Wasserpflanzenhaus stellt so ziemlich den Höhepunkt
dessen dar, was in der Pflanzenpflege in betreff der Temperatur und
Luftfeuchtigkeit noch in Frage kommen kann.“
(A. Engler, Führer
durch die Gewächshäuser, 1919)

Victorias Kultur ist sehr personalintensiv und deshalb anfällig
für Krisenzeiten. Der Publikumsliebling unter den tropischen
Seerosen hat in Dahlem schwere Zeiten erlebt: Den Ersten Weltkrieg,
als viele junge Gärtner zum Kriegsdienst eingezogen wurden. Die
Wirtschaftkrise der 20er Jahre, als Kohlenmangel und
Massenentlassungen auch den Botanischen Garten erreichten. Schließlich
die Bombardements im Zweiten Weltkrieg und den Mangel in der
unmittelbaren Nachkriegszeit. Dass Victoria dennoch, abgesehen
von der Unterbrechung zwischen 1943 und 1950, immer zum festen
Bestandteil der Dahlemer Lebendsammlungen gehörte, ist dem
individuellen Engagement der verantwortlichen Gärtner und
Heiztechniker zu verdanken. Dabei haben sich Lebens- und
Arbeitsbedingungen auch für „Victorias Pfleger“
in den letzten 100 Jahren stark verändert.

Das Kesselhaus um 1910.

Vor dem Zweiten Weltkrieg war es üblich, dass die meisten
Mitarbeiter direkt am Arbeitsplatz, auf dem Gelände des Gartens,
wohnten. In den Gebäuden des Wirtschaftshofes befanden sich mehr
als 20 Zimmer für die unverheirateten Gärtnergehilfen sowie
Familienwohnungen für Obergärtner, Maschinisten und Pförtner.
Noch in den 60er Jahren bewohnten sechs Gärtnergehilfen die
spartanisch eingerichteten „Junggesellenzimmer“ im heutigen
Gästehaus des Gartens. Vor der Einführung des
8-Stunden-Arbeitstags im Revolutionsjahr 1919 arbeiteten Gärtner
im Sommer von 6–18 Uhr, im Winter von 7 – 16.30 Uhr, sechs
Tage in der Woche. Eine „Ökonomiefrau“ kochte für
die hier wohnenden Gärtner, Arbeiter und Heizer und wärmte
den von außerhalb kommenden das mitgebrachte Essen auf. Männer
und Frauen aßen stets in getrennten Speisezimmern.

Bis heute ist der Victoriagärtner Teil einer seit 100 Jahren
festgefügten Gärtnerhie-rarchie. Er/sie ist als Reviergärtner
für das Sumpf- und Wasserpflanzenhaus zuständig und
untersteht dem/der Gärtnermeister/in für den Revierkomplex
der Warmhäuser. Als Spezialist ist er/sie für Vermehrung,
Anzucht, Auspflanzung und Pflege der Riesenseerose und anderer
tropischer Wasserpflanzen verantwort-lich. Zu seiner/ihrer Mannschaft
gehören weitere Gärtnergehilfen. Traditionell werden in
Dahlem die beiden „Reinformen“ von Victoria gezeigt. Seit
den 20er Jahren gab es jedoch auch immer wieder vereinzelte Versuche,
Hybriden (Victoria imperialis, V. cruziana var. trickeri,
V. amazonica
x cruziana = cv. ‘Longwood’)
zu kultivieren. Neben vielen anderen Sämereien, die hinsichtlich
ihrer Herkunft genau dokumentiert sind, bietet die Dahlemer Samenstube
anderen botanischen Gärten auch Samen von Victoria an. Umgekehrt
bezieht der Garten bis heute frisches Samen- und Pflanzenmaterial über
den Samentausch mit anderen wissenschaftlichen Einrichtungen.

Wesentlich stärker hat sich in den letzten 100 Jahren das
Berufsbild der Heiztech-niker gewandelt. Seit 1907 wurde die
Dampfzentrale im Kesselhaus (heute: Maschinenhaus) rund um die Uhr in
wechselnden Schichten von vier bis fünf Heizern mit Kohle „gefüttert“.
Noch in den 50er Jahren verbrauchte der Heizbetrieb in den Gewächshäusern
rund 1500 t Steinkohle jährlich. 1965/66 wurde Kohle als
Heizmaterial abgeschafft und durch eine zentrale Versorgung mit Fernwärme
abgelöst, so dass die Überwachung und Wartung der
Heizzentrale in den Mittelpunkt rückte.

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