Zur Geschichte der Bibliothek

Mit seinem Amtsantritt im Jahre 1815 als Direktor des 1679 gegründeten Botanischen Gartens und Professors für Botanik an der Friedrich-Wilhelms-Universität verfolgte Heinrich Friedrich Link das Ziel, die Lebendsammlung des Gartens durch den Aufbau eines Herbariums und einer eigenen Forschungsbibliothek zu ergänzen. Ein Herbarium war nicht nur unentbehrlich zu Vergleichszwecken, in ihm sollten auch die im Garten kultivierten, seltenen und oftmals wissenschaftlich erst hier neu beschriebenen Arten dauerhaft konserviert werden. Eine angeschlossene Bibliothek war gleichermaßen unerläßlich, um die lebenden und konservierten Pflanzen mit den in der Literatur beschriebenen Arten vergleichen zu können.

Bedeutender Grundstock für beide, Herbarium und Bibliothek, wurde der Nachlaß von Links verstorbenem Vorgänger Carl Ludwig Willdenow (1765-1812). Der Ankauf von Willdenows wissenschaftlich überaus wertvollem Privatherbarium nebst Bibliothek wurde dank der Fürsprache des zuständigen Minister von Altenstein "durch Kabinetsordre vom 19. November 1818" möglich. Vom König Friedrich Wilhelm III. wurde "der Ankauf des Herbariums für 36 000 Mk. und der Bibliothek für 18 000 Mk befohlen; das erstere wurde der Universität überwiesen, aus letzterem konnte sich zunächst die Königliche Bibliothek diejenigen Werke, welche ihr fehlten, aussuchen; der Rest der Bücher (437 Nr.) blieb mit dem Herbarium als Handbibliothek vereinigt" (Urban 1881: 100). Als Gründungsjahr der Bibliothek kann 1819 als das Jahr, in dem Handbibliothek und Willdenow-Herbar faktisch in den Besitz des Botanischen Gartens übergingen, angesehen werden.

Fig. 1. Besitzstempel in Bänden der Bibliothek aus der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Das "Königliche Preussische Herbarium" und die Herbariumsbibliothek waren zuerst provisorisch "im Hintergebäude des der Akademie gehörigen Hauses Dorotheen-Strasse 10, in den Zimmern über dem chemischen Laboratorium" (Urban 1881: 100) untergebracht. Während der Senat der Friedrich-Wilhelms-Universität für eine endgültige Aufstellung in einem Universitätsgebäude zusammen mit den anderen naturhistorischen Sammlungen favorisierte, plädierte Link erfolgreich für die räumlichen Vereinigung von Herbarium und Bibliothek mit dem damals außerhalb von Berlin, in Schöneberg nahe des heutigen Kleistparks gelegenen Botanischen Garten. So fanden 1822 das Königliche Preussische Herbarium und seine Bibliothek ihr neues Domizil im 1815 erbauten Wohnhaus auf dem Eckgrundstück Neu-Schöneberg 27/28 (heute Potsdamer Straße Ecke Großgörschenstraße), schräg gegenüber dem Königlichen Botanischen Garten. Die Vereinigung von Garten, Herbarium und Bibliothek durchgesetzt zu haben ist der bleibende Verdienst von Link. Die wissenschaftlich zweckmäßige Konstruktion war eine nicht unwesentliche Voraussetzung für die spätere internationale Bedeutung der ganzen Einrichtung.

Die großen Zuwächse sowohl der Lebendsammlung des Garten als auch der Sammlungen des Herbariums brachten in den folgenden Jahrzehnten räumliche Probleme mit sich. Das durch die Straße vom Garten getrennte Grundstück Neu-Schöneberg 27/28 war für eine Erweiterung des Gartens untauglich, das einstöckige Herbariumsgebäude mit einer Grundfläche von 17 x 20 m entschieden zu klein und mit baulichen Mängeln behaftet. 1857 wurde deshalb das Grundstück verkauft. Bis zum Abschluß des Neubaus eines Gebäudes im Jahre 1879 musste das Königliche Herbarium mit seiner Bibliothek eine provisorische Unterbringung mitmachen.

Fig. 2a. Besitzstempel der Bibliothek mit dem preussischen Adler aus der Mitte des 19. Jh. Fig. 2b. Besitzstempel der Bibliothek mit dem preussischen Adler von 1875

Neben dem Botanischem Garten und dem Königlichen Herbarium fristete die Bibliothek jahrzehntelang ein Schattendasein. Während das Königliche Herbarium als zentrale Sammelstelle für konservierte Pflanzen fungierte und in den 1820er Jahren auch die im Besitz der Akademie der Wissenschaften befindlichen Herbarien aufnahm, war die Hauptsammelstelle für botanische Literatur nach wie vor die "Königliche Bibliothek" (heute Staatsbibliothek Preussischer Kulturbesitz). Die Bibliothek des Herbariums verzeichnete deshalb nur bescheidene Zuwächse und in Ermangelung ausreichender Etatmitteln blieb ihre Bestand zum Leidwesen der Wissenschaftler lange selbst für eine Handbibliothek unzureichend. Die Bände der Bibliothek dieser Zeit tragen den Besitzstempel "Koenigl. Preuss. Herbarium" [Fig. 1], Königl. Botanischer Garten bei Berlin" [Fig. 2a], oder wie ein 1875 eingegangener Band den Stempel "Königl. Botanischer Garten zu Berlin" [Fig. 2b].

Fig. 3. Besitzstempel der Bibliothek aus den Jahren nach 1879

Mit der Fertigstellung des Neubaus am damaligen Wilmersdorfer Weg auf dem Gelände des Botanischen Gartens in Schöneberg im Jahre 1879 kamen zu Herbarium und Bibliothek ein botanisches Schaumuseum und ein Hörsaal hinzu, und die Einrichtung wurde in "Königliches Botanisches Museum" umbenannt. In den Jahren nach 1879 findet sich in Bänden der Bibliothek der Besitzstempel "Koen. Bot. Museum Berlin" [Fig. 3-5].  Die Bibliothek war anfänglich im Erdgeschoß des dreigeschossigen Gebäudes gegenüber dem "Directorzimmer" in einem Raum von 40 m2 untergebracht, der durch eine Tür mit Arbeitszimmern und eine Wendeltreppe mit den Herbariumsräumen im ersten Stock verbunden war (Urban 1886: 207). Gegenüber den stattlichen anderen Sammlung des Botanischen Museums blieb die Bibliothek immer noch weit zurück. Die Unzufriedenheit mit diesen Zustand wird in Urbans Geschichte des Botanischen Garten und Museums aus dem Jahre 1881 deutlich: "Da beim Ankaufe der grossen Privatherbarien nicht zugleich auch die Bücher- und Broschürensammlungen z.B. von Link, Kunth, Braun etc. erworben wurden, so steht die Bibliothek des Herbariums seiner Pflanzensammlung an Vollständigkeit bedeutend nach; namentlich fehlt es noch an vielen häufiger gebrauchten illustrierten Werken, was bei der großen Entfernung der Königl. Bibliothek erst recht fühlbar wird. Die Anzahl der Bände beträgt 2344; die Separatabzüge ... füllen 42 Enveloppen" (Urban 1881: 164), angeschlossen war ein kleines Archiv mit botanischen Nachlässen.

Fig. 4. Besitzstempel der Bibliothek mit dem preussischen Adler von 1892   Fig. 5. Besitzstempel der Bibliothek mit dem preussischen Adler von 1901

Die Situation der Bibliothek änderte sich grundlegend erst am Ausgang des 19. Jahrhunderts mit der inzwischen stark gewachsenen internationalen Bedeutung des Berliner Botanischen Gartens und Botanischen Museums. Durch Schriftentausch, Schenkungen ebenso wie staatliche Sonderzuwendungen begann ein gezielter und massiver Ausbau des Bestandes der Bibliothek. Im Oktober 1906 zog die Bibliothek im Zuge der Verlegung des Königl. Botanischen Gartens und Museums nach Dahlem an ihren heutigen Standort ins neu errichtete Museumsgebäude. Erstmals bekommt die Bibliothek einen gesonderten Besitzstempel [Fig. 6]. Im Jahr vor dem Umzug zählte sie "12 139 Bände selbständiger Werke und 14 794 Separata sowie 2133 Zeitschriften-Hefte" (Engler 1905: 17) und hatte es im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts (nach Lindau 1909) auf einem durchschnittlichen jährlichen Zuwachs von fast 1600 Bänden gebracht.

Fig. 6. Besitzstempel aus den Jahren zwischen 1906 und 1918

Als nicht-öffentliche Forschungsbibliothek war ihre Benutzung weiterhin "nur gestattet mit Erlaubnis des Direktors", und für die Öffnungszeiten gilt: "Für diejenigen, welche in den Räumen des Botanischen Museums die Sammlungen und Bibliothek benutzen wollen, ist dasselbe von 8-3 Uhr geöffnet. Eine Verlängerung der Frist wird von dem Direktor nur ganz ausnahmsweise in besonders motivierten Fällen bewilligt" (aus den 'Bestimmungen für die Benutzung der Sammlungen' von 1907 nach Urban 1916: 257).
Novemberrevolution 1918 und Gründung der Weimarer Republik sowie die Eingemeindungen spiegeln sich im Besitzstempel wider [Fig. 7].

Bis zum Jahre 1943 waren ihre Bestände auf etwa 80 000 Monographien und Zeitschriften-Bände sowie 200 000 Sonderdrucke angewachsen (Pilger 1953a), die in der Nacht vom 1. zum 2. März dieses Kriegsjahres dann aber ebenso wie das Herbarium nahezu vollständig dem durch Bomben ausgelösten Brand des Museumsgebäudes zum Opfer fielen.

Ausgenommem von der Zerstörung blieben neben den in einem Banktresor ausgelagerten Rara lediglich verschiedene Handbibliotheken wie die des Gartens in der 'Garteninspektion' (die 'Gartenbibliothek', nach Pilger 1953a etwa 400 Bände umfassend), die dann im Zuge des Neuaufbaus der Bibliothek integriert wurden, alles in allem wohl keine tausend Bände.

Fig. 7. Besitzstempel von 1936

Der Neuaufbau der Bibliotheksbestände begann bereits während des Krieges. Eine staatliche Sonderzuwendung von 1 Million Mark ermöglichte noch während des Krieges größere Ankäufe auf dem antiquarischen Markt, die zum Schutz vor weiteren Kriegsschäden in Depots "in Bleicherode, Friedrichswert in Thüringen, Baruth i. Sa., Pfaffendorf i. Mark und Buckow i. Mark" (Pilger 1953a: 20) ausgelagert wurden. Diese ausgelagerten Bestände gingen jedoch bis auf jene im Depot in Bleicherode, die 1947/48 wieder zurückgeholt werden konnten, verloren (Pilger 1953b: 29).

Unter schwierigen räumlichen, personellen und finanziellen Bedingungen erfolgte so nach Kriegsende ein zweiter Neuaufbau. Durch größere und kleinere Schenkungen, aber insbesondere durch die Übernahme der Privatbibliotheken von Botaniker wie J. Bornmüller, W. Kirschstein oder E. Pritzel, sowie weitere planmäßige Ankäufe konnte wieder eine Basis geschaffen werden. Schließlich begann mit der Wiederaufnahme der Publikation einer eigenen Zeitschrift und einer monographischen Reihe ab 1953 auch der internationale Schriftentausch abermals eine wichtige Rolle bei der Erwerbung von Periodika zu spielen. So kam allmählich ein Bestand zusammen, mit dem gearbeitet werden konnte. Eine Neuerung betraf ihren Nutzerkreis: Als öffentliche Spezialbibliothek stand sie von nun an allen Interessenten offen und beteiligte sich auch am deutschen und internationalen Leihverkehr der Bibliotheken. Ihre Zeitschriftenbestände mit hohem Alleinbesitzanteil in Deutschand wurden bald komplett in die 1973 eingerichtete deutsche Zeitschriftendatenbank aufgenommen. Die Erwerbungspolitik entsprach wie früher dem Auftrag, die für das Fachgebiet relevante Literatur umfassend, weltweit und in allen Sprachen zu sammeln, und war weiterhin von der Notwendigkeit bestimmt, in der phytotaxonomischen Forschung immer wieder auch auf Publikationen des 18. und 19. Jahrhunderts zurückzugreifen. So kam neben der möglichst umfassenden Bereitstellung der aktuellen Literatur aus dem Gesamtgebiet der Systematischen Botanik und Pflanzengeographie auch dem Erwerb der älteren Literatur eine besondere Bedeutung zu. Weitgehend unverändert blieb der Besitzstempel der Bibliothek [Fig. 8].

Fig. 8. Aktueller Besitzstempel

Im 1984-87 wieder errichteten Ostflügels des Museumsgebäudes erhielt die Bibliothek schließlich mit erheblichen Investitionsmitteln großzügig ausgelegte neue Räumlichkeiten, deren Freihandmagazine über eine Stellfläche von 9,5 Regalkilometern verfügen. 1987, im Jahr der Übersiedelung der Bibliothek in die neuen Räumlichkeiten hatte ihr Bestand mit 85 562 Monographien und Zeitschriftenbänden nach 44 Jahren wieder den Umfang zum Zeitpunkt vor ihrer Zerstörung erreicht. Die botanische Literatur des 18. und 19. Jahrhunderts ist zwar noch nicht wieder in der umfassenden Weise wie vor 1943 vorhanden, doch sind die Lücken klein. Seit 2000 wird der Bestandsaufbau der Bibliothek von der Deutschen Forschungsgemeinschaft im Förderprogramm für Spezialbibliotheken überregionaler Bedeutung durch einen Zuschuss zum Erwerbungsetat gefördert.

Waren Botanischer Garten und Botanisches Museum Berlin-Dahlem trotz enger Verbindung mit der Universität von 1946 bis 1994 eine außeruniversitäre, der Senatsverwaltung für Wissenschaft und Kultur direkt unterstellte Einrichtung, so wurde sie mit dem 1.1.1995 wieder der Universität angegliedert, und zwar als eine Zentraleinrichtung der Freien Universität Berlin. Als größter Bibliothek innerhalb der Naturwissenschaften an der Freien Universität wurde der Bibliothek zum 1.1.1999 auch die Funktion der Bereichszentrale für den Bibliotheksbereich Naturwissenschaften übertragen.

 N. Kilian

Literatur:

Engler, A. 1905: Bericht über den Botanischen Garten und das Botanische Museum zu Berlin im Rechnungsjahr 1904. – Sonderabdruck aus der Chronik der Universität, Jahrgang 18. – Halle.

Lindau, G. 1909: Herbarium und Bibliothek. – Pp. 123-127 in: Der Kgl. Botanische Garten und das Kgl. Botanische Museum zu Dahlem. – Berlin.

Pilger, R.1953a: Bericht über den Botanischen Garten und das Botanische Museum zu Berlin-Dahlem vom 1.März 1943 bis 31. März 1947. – Mitteilungen aus dem Botanischen Garten und Museum Berlin-Dahlem 1: 1–21.

Pilger, R.1953b: Bericht über den Botanischen Garten und das Botanische Museum Berlin-Dahlem, April 1947– Dezember 1948. – Mitteilungen aus dem Botanischen Garten und Museum Berlin-Dahlem 1: 22–31.

Urban, I. 1881: Geschichte des Königl. botanischen Gartens und Königl. Herbariums zu Berlin nebst einer Darstellung des augenblicklichen Zustandes dieser Institute. – Jahrb. Königl. Bot. Gart. Berlin 1: 1-164.

Urban, I. 1886: Der botanische Garten und das botanische Museum. – Pp. 184-214 in: Guttstadt, A. (Ed.), Die naturwissenschaftlichen und medizinischen Staatsanstalten Berlins. Festschrift für die 59. Versammlung deutscher Naturforscher und Ärzte in Berlin. – Berlin.

Urban, I. 1916: Geschichte des Königlichen Botanischen Museums zu Berlin-Dahlem (1815-1913) nebst Aufzählung seiner Sammlungen. – Beih. Bot. Centralbl., Abt. 1, 34: 1-457.